Lantern

Morsum Kirche/11

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© Reinhold Adscheid/VG Bild-Kunst

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Auflage 1/3

Wer kennt nicht Sylt, wer kennt nicht Morsum. Im Mai 2016 waren wir dort. Wir trafen Erika, eine gute Bekannte aus vergangenen Urlauben, eine unglaublich rüstige 74 jährige Nordfriesin; Eigentümerin eines herrlichen, über 400 Jahre alten Friesenhauses. Sie zeigte uns, weil wir darüber gehen mussten um ins Haus zu kommen, die Grabsteine ihrer Urgroßeltern, eingelassen in den Boden vor der Eingangstüre. Kaum, dass wir saßen, erzählte sie uns, dass ihre Urgroßeltern bei der Sturmflut 1923 ums Leben gekommen seien. Und dass sie nie gewußt hätte, dass diese Flut so schrecklich war. Ihre Großmutter hätte immer nur gesagt: Wasser ist schlimmer als Feuer. Erst vor kurzem hätte sie von dieser Flut im Jahre 1923 gelesen. Alle Kinder sind damals aus der Schule nach Hause geschickt worden, so schreckliche wütete der Blanke Hans. Zuhause schickte der Vater gleich die Jungs los, um das Vieh von den nahegelegenen Weiden zu holen; Er selber ging zu den weiter entfernten tiefer gelegenen Weiden. Das Wasser kam immer höher und alle Weiden lagen niedriger als der Hof. Erikas Urgroßmutter nahm ihre Tochter, Erikas Großmutter, mit, um nach dem Rechten zu sehen, aber das Wasser war schon bis kurz vor den Hof gestiegen. Sie setzte ihre Tochter auf einen Zaunpfahl, konnte sich selber aber nicht mehr retten: die langen schweren Kleiderstoffe hatten sich so mit Wasser vollgesogen, dass sie es nicht schaffte, sich zu retten. Der Urgroßvater war beim Versuch, das Vieh auf den noch niedriger gelegenen Weiden zu retten, auch verschwunden.
Nach ein paar Stunden kamen die Nachbarn und retteten Erikas Großmutter vom Zaunpfahl; ihre Brüder hatten sich beim Einbruch der Nacht auf verendetes Vieh geflüchtet und wurden am nächsten Morgen von den Bewohnern Morsums gefunden und gerettet.


Obwohl tief erschüttert von dieser Erzählung, bewunderten wir Erikas wunderschöne, von oben bis unten mit blauweißen Fliesen geschmückte "gute Stube" und gingen anschließend, noch immer in Gedanken bei den Morsumern, die in jener Nacht oft vergeblich um ihr eigenes Leben und das ihres Viehs kämpfen mussten, weiter zur Morsumer Kirche St. Martin. Dort fanden wir auf dem Friedhof den Gedenkstein für die Toten zweier Weltkriege, dessen zeitlose, noch immer gültige mahnende Inschrift lautet:
Sorgt ihr,
die ihr noch im Leben steht,
daß Frieden bleibe,
Frieden zwischen den Menschen,
Friede zwischen den Völkern!

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